von Jutta Kleedorfer
Etwas Besonderes und Aufregendes zugleich war das Angebot von Prof. Jutta Wermke, nämlich eine Klangbrücke von Wien nach Osnabrück zu bauen…
Gerne nahm ich diese Einladung an, mit meinen Studierenden an einem „Wiener Soundscape“ zu arbeiten. Zwar wurde die Begeisterung für dieses Klangprojekt durch viele Schwierigkeiten getrübt, befanden wir uns doch 2008 in der Umstellungsphase von einer pädagogischen Akademie in eine Pädagogische Hochschule, doch das Endergebnis erfüllt uns nun mit Freude und Stolz. Welche wunderbaren Erfahrungen wir dabei machen durften und welche Überlegungen bei der Konzeption im Vordergrund standen, soll im Folgenden näher besprochen werden. Es ist jedoch an dieser Stelle anzumerken, dass ich keine Fachfrau für Hördidaktik oder Radiogestaltung bin, sondern mich mit meinen Studierenden unbefangen und naiv mit dieser Aufgabe auseinandergesetzt habe. Dank der technischen Unterstützung und Betreuung durch die Medienabteilung des österreichischen Bildungsministeriums wurde diese Wiener Klanglandschaft produziert.
Wien ist eine Stadt mit einem reichen Spektrum an architektonischen, kulturellen und touristischen Sehenswürdigkeiten, die das Auge mit einer reichen Bilderwelt vom Mittelalter über den prunkvollen Bildbarock bis hin zu den Prägungen der Moderne erfreut. Doch Wien ist im Alltag seiner Bewohner auch eine Stadt voller Musik: Da werden die blühenden Kastanienbäume und der Flieder ebenso besungen wie die Wiener Gemütlichkeit im Kaffeehaus oder beim Heurigen. Da können sich Gäste wie die WienerInnen wohlfühlen, da ist ein Ort „um zu leben und leben zu lassen“. Doch es ist nicht immer und überall „alles Walzer!“ Wien hat auch ein Alltagsgesicht, es gilt auch einen Blick hinter die Fassade des schönen Scheins zu werfen und mit wachen Sinnen wahrzunehmen, was diese Stadt und ihre Menschen in ihrer Ambivalenz kennzeichnet.
Die Reduktion auf die Gestaltung eines Bildes von Wien nur mit akustischen Mitteln unter Ausblendung aller optischen Eindrücke ermöglichte paradoxerweise eine Konzentration auf das Wesentliche im Sichtbaren wie Unsichtbaren. Zur Erfassung der „hörbaren Wirklichkeit“ gingen wir auf Suche und sammelten Beispiele für akustische Dimensionen, Klangimpressionen, authentische Markenzeichen von O-Tönen über Geräusche bis hin zur Aufnahme von Atmos aus dem Wiener Leben. In einer ersten Arbeitsphase versuchten wir verschiedene Grundklänge, Rhythmen, Lieder, deren Abschattierungen und musikalische Elemente, die in Wien zu hören sind, miteinander zu einem Wiener „Klangteppich“ zusammenzustellen. Weiters sollten typische Wiener Melodien, die von Erinnerungen an historische Persönlichkeiten, Musikern und Ereignissen getragen sind, ebenso vorkommen wie die Austropop-Szene u.a. mit Rainhard Fendrich, oder wie der aktuelle Hype um Falco anlässlich seines 10. Todestages und der Falco-Filmpremiere „Verdammt wir leben noch“. Zur Wiener Klanglandschaft gehören natürlich auch aktualitätsorientierte Geräusche, Klänge, atmosphärische Momentaufnahmen und akustische Alltagseindrücke von den Straßen, Plätzen und öffentlichen Orten, in Verkehrsmitteln und in bestimmten Stadtvierteln.
Auf einer weiteren Klangebene galt es kritische Zwischentöne hörbar zu machen, die für die Stadt Wien von besonderer Bedeutung waren und sind, z.B. im Bereich des multikulturellen Miteinanders oder der viel besungenen Wiener Gemütlichkeit. Die seelischen Abgründe des „goldenen Wiener Herzens“, wie sie vor allem in den Theaterstücken Ödon von Horváths „Geschichten aus dem Wienerwald“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“ oder in der Kaffeehausliteratur eines Peter Altenberg oder in den Texten von Karl Kraus sichtbar werden, spiegeln sich in der Aufnahme von Stimmen und Stimmungen z.B. auf dem Markt, im Schlachthaus oder bei der Fiakerfahrt durch die Innenstadt wider.
Die an dem Projekt mitwirkenden Lehramtsstudierenden setzten sich im Besonderen mit dem in der Kinderliteratur vermittelten Wienbild auseinander und versuchten mit dem Mikrophon festzuhalten, welche Höreindrücke für Kinder und Jugendliche dieser Stadt prägend sind. Wir wählten als literarische Vorlage zur Strukturierung unseres Klangspaziergangs das preisgekrönte Kinderbuch von Monika Helfer „Rosie in Wien“.
Rückblickend möchte ich betonen, dass in einer Zeit der Bilderflut das Zuhören-Können wie Zuhören-Wollen von pädagogischer Bedeutsamkeit ist. Im schulischen Alltag erscheint gerade eine intensive Auseinandersetzung mit dem Hören wie eine effiziente Schulung der Gesamtwahrnehmung notwendiger denn je. Eine stärkere Berücksichtigung der Hördidaktik bringt m.E. z.B. dem Sprachunterricht eine Bereicherung in vieler Hinsicht: Es wird eine vertiefte fachliche Auseinandersetzung ermöglicht, es werden differenzierte Kompetenzen in der Wahrnehmung geschult, die schulische Arbeitsatmosphäre und die Lernmotivation werden positiv verstärkt. Als Anregung möchte ich weitergeben, dass die Gestaltung von „soundscapes“ einer Schule, eines Klassenzimmers, eines Stadtviertels, etc. eine Möglichkeit ist, um ganzheitlich Wissens zu generieren und viel zur Persönlichkeitsentwicklung von jungen Menschen auf ihrer Suche nach Leben, Identität und Heimat beitragen kann.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur:
Monika Helfer/ Birgitta Heiskel (Ill.): Rosie in Wien. Wien: Niederösterreichisches Pressehaus 2004
Alfred Komarek/ Eva Kellner (Ill.): Flugs! Ein Spatz führt durch Wien. Wien: DachsVerlag 2004
Sekundärliteratur:
Zuhören e.v. 2000: Ganz Ohr. Interdisziplinäre Aspekte des Zuhörens. Göttingen
Kontakt
Jutta Kleedorfer, Prof. Mag.
Kirchlich Pädagogische Hochschule Wien
1210 Wien, Mayerweckstraße 1
Arbeitsschwerpunkte:
Fachdidaktik Deutsch, Kinder- und Jugendliteratur, Lesepädagogik