„Ist das wirklich meine Klasse?“

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Überraschungen aus der Radiowerkstatt
von Doris Rudlof-Garreis

„Und wie schaut das mit der Vorbereitung aus?" Die Deutschlehrerin einer steirischen Hauptschule hat von einer Kollegin erfahren, dass man „das Radio" jetzt auch an die Schule holen kann. Diese Möglichkeit erscheint ihr reizvoll, allerdings hält sie es für ein gewagtes Experiment, denn die vierzehnjährigen SchülerInnen haben nicht gerade begeistert auf ihre Ausführungen zur Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks reagiert.

Wir empfehlen der Pädagogin unser halbtägiges Basismodul „Wir machen Radio" und können sie, was die Vorbereitung betrifft, augenblicklich beruhigen: Dieser Workshop ist ein Impulsmodul für EinsteigerInnen und hat ein vorrangiges Ziel: Kindern und Jugendlichen Lust auf Radioarbeit zu machen.

Alle, die Feuer fangen und das Medium Radio als unerschöpfliches Experimentier- und Gestaltungsfeld näher kennenlernen wollen, versorgen wir danach gerne mit weiteren Anregungen: in der "Ohrenspitzerwerkstatt", die akustische Rätsel aufgibt, im Bücherradioworkshop "Sixty ways to meet your reader", in dem Leseratten zum Ohrenschmaus eingeladen werden, im " Doku-Workshop", der Schulprojekte in einem Radiomagazin dokumentiert, oder im Workshop "Ein Klassenalbum für die Ohren", in dem ein akustisches Porträt der Klassen entsteht, das auch beim 20. Klassentreffen noch gern gehört wird.

Ein Radiomagazin in vier Stunden

Zurück zu den EinsteigerInnen: Wir bauen unsere Werkstatt im Klassenzimmer auf, umringt von den jausnenden SchülerInnen. Einige helfen gleich mit, Ordnung in den Kabelsalat zu bringen, andere melden sicherheitshalber gleich ihre vorrangigen Interessen an: Können wir den Herrn Direktor wegen der Skaterbahn interviewen? Ich würd´ gern Moderatorin sein, was muss ich da tun? Die Wetterfrau bin aber ich! Noch bevor es läutet, ist auch auf der technischen Seite einiges geklärt: Es wird in diesem Produktionsteam AssistentInnen geben, die sich um den Aufnahmepegel der Interviews kümmern, die während der Sendungsabwicklung die Mitschnittkontrolle übernehmen oder als ProgrammhelferInnen CDs wechseln und starten werden. Wenn wir dann mit dem Wokshop (offiziell) beginnen, sind einige ganz wesentliche Dinge von den Jugendlichen schon angetippt worden: Die Klasse ist ein Radioteam, und nach vier Workshopstunden wird ein Jugendmagazin fertig sein, das – wenn die Klasse es wünscht – im Schülerradio 1476 ausgestrahlt werden kann.

Die Frage (der erstaunten Pädagogin) ist nur: Wie schaffen wir das in einem halben Tag? Ganz einfach. Die SchülerInnen tun genau das, was im professionellen Radioalltag auch passiert, verzichten aber auf den (zeitraubenden) digitalen Schnitt. Mit der Pausentaste unseres treuen Sony-Professionals vermeiden wir in den Interviews zu lange Pausen und nehmen hin und wieder einen zweiten Anlauf, wenn sich die Reporternervosität in einen Lachkrampf entlädt. Auch was die redaktionelle Arbeit betrifft, ist alles wie in der journalistischen Radioarbeit: Wir beginnen mit der Redaktionssitzung, in der die Themen der Sendung festgelegt werden. Die Inhalte im Impulsmodell "Wir machen Radio" sind so vielfältig wie die Interessen, Vorlieben, Abneigungen, Wünsche und Kritikpunkte junger Leute. Einzige Bedingung: Die Themen der Interviews und Meinungsumfragen sollen auch für außen stehende HörerInnen nachvollziehbar sein und zugleich intern ausreichend Zündstoff liefern, sodass die Jugendlichen darüber diskutieren wollen. Denn innerhalb des Klassenteams gibt es nicht nur ReporterInnen, AufnahmeleiterInnen, MusikredakteurInnen und ModeratorInnen, sondern auch InterviewpartnerInnen, die zu den gewählten Themen befragt werden.(Und nichts spricht dagegen, dass auch LehrerInnen als überraschte InterviewpartnerInnen den Jugendlichen Rede und Antwort stehen dürfen!)

Unvermutete Fähigkeiten in neuen Rollen

Sobald die Sendungsthemen feststehen (ein Teammitglied protokolliert die Vorschläge der Redaktion und lässt über die Favoriten abstimmen), beginnt ein Arbeitsprozess, der festgelegte Rollen in der Klassengemeinschaft sprengt: Die Klassenbesten sind Teammitglieder wie alle anderen auch und haben keinen Vorsprung. SchülerInnen, die oft genug von der Rechtschreibgänsehaut befallen werden, wenn es um Präsentationssituationen geht, können unbesorgt dahinwerken, und Jugendliche, die meistens im Hintergrund stehen, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, bringen plötzlich attraktive Elemente ein: Eine dreisprachige Begrüßung zum Beispiel ist ein interessantes Klangbild am Beginn der Sendung. Und in unserem EinsteigerInnenworkshop in der steirischen Hauptschule werden die MitschülerInnen hellhörig, weil Murat, der erst seit einigen Wochen in der Klasse ist, den Refrain eines deutschen Hits ins Türkische übersetzt.

Das Aufnehmen der Interviews ist dann für alle ein mehrspuriges Erlebnis, denn das Mikrofon verändert die vertraute Gesprächssituation und macht den Austausch zum Experiment: Geübte Provokateure können sich mit ihren Entscheidungsfragen in die Einbahn manövrieren und zurückhaltende Beobachter fungieren manchmal als redaktionelle Rettungsanker, indem sie dem verirrten Reporter ganz selbstverständlich die naheliegende öffnende Frage zurufen.

Die eigene Stimme

Sobald die Umfragen "im Kasten "sind, bahnt sich das nächste Abenteuer an: Hilfe, wie klinge ich!?! Die Abwicklung der Sendung, das Zusammenfügen der vorbereiteten Elemente mit Moderation und Musik hält den Jugendlichen den akustischen Spiegel vor: Für viele ist es das erste Mal, dass sie sich sozusagen "von außen" hören – eine Erfahrung, die gemischte Gefühle weckt. Bevor die Sendungsabwicklung beginnt, wird das Pausenläuten kaum mehr registriert: Die ModeratorInnen skizzieren ihre Überleitungstexte und sprechen übungshalber zu einem imaginierten Publikum, die MusikredakteurInnen stapeln die zuspielbereiten Tonträger, Redakteurinnen ergänzen die Regieanweisung für den Sendungsablauf und irgendjemand kommt auf die Idee, LehrerInnen aus dem Konferenzzimmer als ZuhörerInnen in die Klasse zu holen. Schade, dass nicht auch die Freunde aus der Parallelklasse dabeisein können! ABER: Es gibt ja einen Mitschnitt – für das Schülerradio 1476 natürlich, für die Eltern und Fans und für die angenehm überraschte Deutschlehrerin, die den KollegInnen erzählen wird, dass sie ihre Klasse in der Radiowerkstatt von einer völlig neuen Seite kennengelernt hat.

Infos zum Projekt "Wir machen Radio"
Team : Doris Rudlof-Garreis, Peter Rudlof, Werner Ranacher
E-Mail: radiowerkstatt [ÄT] inode.at